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Wolle was da komme

Wolle was da komme

Über Freiheit, physikalische Grenzen und den freien Willen: Eine Reflexion über Selbstbestimmung und die Gesetze des Universums

Freiheit, Einigkeit, Brüderlichkeit. Das sind Werte, nach denen wir alle streben sollten. Und die Freiheit steht nicht umsonst ganz vorne. Der Mensch ist mit einem freien Willen geboren, und es gehört zu seinem Selbstbestimmungsrecht, diesen freien Willen auch auszuleben. Wohlgemerkt, es ist ein Recht, verliehen von uns selbst. Wer hätte es auch sonst verleihen sollen? Aber was haben wir uns da eigentlich verliehen? Klar, jeder Mensch soll nach seiner Fasson glücklich werden. Dazu gehört das unveräußerliche Recht, zu jeder Zeit eigene Entscheidungen zu treffen und so sein Glück selbstverantwortlich zu fördern. Je länger ich allerdings über den Begriff Freiheit nachdenke, desto schwieriger kommt er mir vor. Das Ansinnen, jedem Menschen individuelle Freiheit zu garantieren, will ich auf keinen Fall infrage stellen. Der erwähnte Zweifel bezieht sich auch nicht auf gesellschaftliche Überlegungen. Die Frage ist eher, wie die Physik es mit dieser Freiheit hält.

Wenn ich hin und wieder einmal dem wissenschaftlichen Diskurs folge, scheint man sich einig darüber zu sein, dass Regeln dieses Universum bestimmen. Diese Regeln betreffen unvorstellbar kleine Teilchen, aus denen alles, was wir kennen, zusammengesetzt ist. Diese Teilchen und ihre Regeln entziehen sich komplett der menschlichen Vorstellungskraft, sind jedoch durch die Mathematik beschreibbar. Herr Einstein mit seinen relativ allgemeinen und auch spezielleren Theorien, Heisenbergs unrelativierte Schärfe, 11 aufgerollte Dimensionen sowie Multiversen voller weiterer Theorien zeugen von enormer Komplexität. Natürlich habe ich kaum ein Wort dieser Werke verstanden, trotzdem habe ich gebannt entsprechende Hörbücher gehört und populärwissenschaftliche Artikel gelesen. Trotz allem Unverständnis wäre mir wohl aufgefallen, wenn irgendwo der physikalische Prozess einer freien Entscheidungsfindung erwähnt worden wäre. So wie ich es verstanden habe, wird in der Physik nicht frei entschieden, sondern physikalischen Gesetzen gefolgt. Mit wem ein Wasserstoffkern im Inneren eines Sterns fusioniert, entscheidet nicht der freie Wille des Wasserstoffs, sondern die Gesetze der Kernphysik. Auch größere Strukturen bilden keinen freien Willen aus. Tritt ein Asteroid in unser Sonnensystem ein, entscheidet wieder nicht der freie Wille, mit welchem Himmelskörper er zusammenstößt, sondern die Gesetze der Gravitation. Soweit würde dies wohl keiner bezweifeln.

Wann aber kommt der freie Wille hinzu? Laufen die Reaktionen eines biologischen Organismus nach anderen Gesetzen ab? Der menschliche Geist ist mir zur Beantwortung dieser Frage zu komplex, auch bin ich zu sehr mit ihm verhaftet, um ihn von außen sezieren zu können. Nimmt man ein deutlich einfacher strukturiertes Lebewesen, wie zum Beispiel eine Amöbe, könnte man auch auf die Idee eines freien Willens kommen. Immerhin bewegt sich die Amöbe gezielt auf ihre Lieblingsnährstoffe zu. Aus der Schule ist mir der Begriff der Chemotaxis in Erinnerung geblieben. Rezeptoren auf der Oberfläche der Amöbe erlauben es ihr, sich anhand von Konzentrationsgradienten auf den gewünschten Stoff zuzubewegen. Letztendlich ist das nichts anderes als ein ausgeklügelter Automatismus. Wie eine Motte, die immer in die Richtung der stärksten Lichteinstrahlung fliegt. Nach meinem Verständnis würde ein freier Wille voraussetzen, dass sich die Motte zu jedem Zeitpunkt dem Automatismus entziehen und frei entscheiden kann, lieber doch in die Dunkelheit zu fliegen. Die Amöbe könnte dementsprechend ihren Hunger überwinden, alle Konzentrationsgradienten ignorieren und sich in die äußerste Ecke der Petrischale zum freiwilligen Verhungern zurückziehen. Ein freier Wille auf dieser Stufe der Evolution dürfte nur wenig Vorteile bringen und hätte vor allem viele verhungerte Amöben zur Folge.

Wo aber soll der freie Wille dann entwickelt worden sein? Wo hatte er in der Evolution seine Uraufführung? Und wie lässt er sich in diesem regel-fixierten Universum realisieren? Findet man darauf keine Antwort, müsste man schlussfolgern, dass es mit dem freien Willen nicht weit her ist. Konzentrationsgradienten würden darüber entscheiden, wann mir ein Buch zu langweilig wird und ich es beiseitelege. Grenzwerte für aufsummierte Neurotransmitter würden das Ruder bei jeder Entscheidung meines fest determinierten freien Willens in der Hand halten und mich mutig oder feige sein lassen. Ein gruseliger Gedanke, wobei ich kaum in der Lage wäre, ihn zu verifizieren oder zu widerlegen. Wie kann ich jemals erkennen, ob ich eine andere Entscheidung hätte treffen können, wenn meine Entscheidung schon getroffen wurde? Die unumkehrbare Zeit verhindert einen zweiten Versuch unter gleichen Bedingungen.

Wenn ich ehrlich bin, läuft das meiste im Leben ohne mein Zutun ab. Bis auf wenige Ausnahmen läuft der Körper auf Autopilot. Ich kann weder entscheiden, wie viel Hormon meine Schilddrüse zum Frühstück bereitstellt, noch kann ich die Weite meiner Herzkranzgefäße regulieren. Spreche ich ein noch so einfaches Wort aus, ist mir völlig schleierhaft, was Zunge, Mund, Gaumen und Stimmbänder da vollbringen. Balanciere ich über einen Balken, sind mir die Muskeln, die meinen Sturz verhindern, völlig unbekannt, und erinnere ich mich an eine vergangene Begebenheit, weiß ich nicht einmal, wo ich diesen Gedanken gespeichert hatte und wie er mir just in diesem Augenblick vor Augen kommt. Alles Automatismen, so scheint es mir. Selbst bei direkten Entäußerungen meines freien Willens, zum Beispiel in einem wohl formulierten Satz, bin ich nicht Herr über die gesprochenen Worte. Zum Zeitpunkt des Redens ist mir nicht bewusst, wie der Satz weitergehen wird. Die Worte scheinen geradezu von selbst zu kommen. „Wie soll ich wissen, was ich denke, wenn ich nicht höre, was ich sage?“

Wie soll es nun weitergehen? Soll man das Recht auf einen freien Willen aus den Menschenrechten streichen? Die Antwort ist einfach. Es spielt wohl keine Rolle. Die Freiheit darüber zu entscheiden, gibt es nicht, es kommt eh, wie es kommt.

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