Der 8. Sinn
Warum Musik unsere tiefsten Emotionen berührt und Zeit neu erfahrbar macht
Was bewirkt Musik emotional? Ich meine nicht den Gesang – der beruht auf Sprache und transportiert damit eine klar definierte Aussage. Aber was bewirkt die Musik selbst? Die Melodie, der Rhythmus. Lege ich mich auf den Rücken, schließe die Augen und lausche den Cellosuiten von Bach, bin ich gefangen wie in einer eigenen Welt. Es entstehen Assoziationen jenseits von Bildern. Es baut sich Spannung auf und wieder ab. Je nach Art der Musik kann Traurigkeit entstehen oder auch ein Gefühl von heroischer Kraft. Reinste Verzückung kann sich einstellen. Es wird eine Emotion vermittelt, die keine spezielle Situation braucht. Anders als ein Bild, das zum Beispiel eine traurige Szene darstellt, wird die traurige Stimmung durch Musik direkt hervorgerufen. Es bedarf keiner weiteren Imagination, um die Emotion zu wecken. Höre ich eine traurige Geschichte oder sehe ein trauriges Bild, fühle ich empathisch mit, versetze mich in die Situation hinein und empfinde die Traurigkeit der Szene nach. Bei einer traurigen Melodie entfällt jedoch der Schritt des Nachempfindens, da keine konkrete Situation dargestellt wird. Die Traurigkeit entsteht direkt aus den Klängen. Der Effekt scheint viel unmittelbarer zu sein.
Worauf reagiere ich da bloß? Es sind letztendlich nur Schallwellen, die in unterschiedlichen Frequenzen auf mein Trommelfell treffen und über die Nervenbahnen vom Gehirn verarbeitet werden. Dabei führen nur bestimmte Muster dazu, dass das empfangene Signal als Musik wahrgenommen wird. Nur bestimmte Abfolgen von Tonhöhen erzeugen den Eindruck eines musikalischen Erlebnisses. Alles andere bleibt als Geräusch emotional wirkungslos.
Im Gegensatz zum Betrachten eines Bildes spielt die Zeit beim Hören von Musik eine große Rolle. Während ein Bild unabhängig von der Zeit als statischer Gesamteindruck existiert, entsteht der Eindruck von Musik erst durch die zeitliche Abfolge der Töne. Im musikalischen Augenblick zu verweilen, würde die Musik zunichtemachen. Erst durch das Zusammenspiel der eben gehörten Tonfolge und der Erwartung auf die kommenden Töne entsteht das Empfinden einer Melodie. Dieses Zusammenspiel von Vergangenheit und Zukunft verleiht der Musik ihre eigenartige Macht über die Emotionen.
Das Stück Vergangenheit, das genutzt wird, um den musikalischen Augenblick zu gestalten, ist dabei ziemlich kurz. Ob es überhaupt einen Moment der Gegenwart, ein Jetzt, in der Musik gibt, ist schwer zu entscheiden. Versucht man diesen Augenblick festzuhalten, ist er bereits vorbei. Er ist so schnell Vergangenheit, daß man ihn nicht greifen kann. Im Augenblick des Hörens entsteht aus der erwarteten Zukunft die erinnerte Vergangenheit. Aus diesen kurzen Zeitspannen der Zukunft und Vergangenheit konzipiert unser Bewusstsein den gefühlten Augenblick. Einen Augenblick, in dem beide Zeitspannen miteinander verschmelzen und wechselwirken können. Das Musikerleben ist die Erfahrung dieser Wechselwirkung. Unabhängig von der Melodie, der Abfolge der Töne, gibt es in der Musik eine zweite Dimension: den Rhythmus. Auch der Rhythmus hat einen Einfluss auf das emotionale Erleben. Es scheint aber, dass dabei andere Formen des Erlebens angesprochen werden. Traurigkeit lässt sich beispielsweise durch den Rhythmus schlechter transportieren. Eher sind es Gefühle von Kraft und Macht.
Der Rhythmus schafft dadurch etwas, was die Melodie alleine nicht kann: Er vereint die Zuhörer und synchronisiert ihr Gefühlserlebnis. Er gibt ihnen eine gemeinsame Kraftquelle Jeder Schlag des Rhythmus wird mit Spannung erwartet und führt zu einer Gleichtaktung des Denkens, erkennbar an den synchronisierten Bewegungen im Tanz oder Marsch. Im Sechzehntel-Feuer eines Heavy-Metal-Konzertes scheinen die Gehirne des Publikums wie in einem riesigen Schwarmwesen gleichgeschaltet. Dabei spielt sich das rhythmische Erleben direkt in der sonst nur schwer fassbaren Dimension der Zeit ab. Die Zeit, die im Alltag nur vergeht, wird in der Musik auf ganz neue Weise erlebbar. Zeit, die sonst einem stetigen Strom ohne Anfang und Ende gleicht, wird in Muster zerlegt, direkt erlebbar und geordnet. Zusammengefasst besteht das Musikempfinden aus dem Zusammenspiel von Tonabständen und zerteilter Zeit. Dies setzt ein ziemlich empfindliches Zeitempfindungsmodul voraus, den nur bei ausreichender Präzision in der zeitlichen Tonabfolge kommt das Gefühl eines Rhythmus zustande .
Warum reagieren wir so emotional auf Musik? Welchen Sinn erfüllt die Ausschüttung von belohnenden Neurotransmittern beim Hören von Musik. Die meisten unserer Eigenschaften und Fähigkeiten lassen sich durch die Evolution erklären. Alles sind Anpassungen und Optimierungen, die das Überleben unter den jeweiligen Bedingungen sicherten. Aber Musik? Es gibt keine Musik natürlichen Ursprungs. Musik ist ein Konstrukt des neuzeitlichen Menschen. Ich denke jedoch, dass Musik auf einen bereits vorhandenen Sinn traf – einen Sinn, der durch Gesang, Instrumente und Rhythmus befriedigt werden konnte. Hätte es diesen Sinn nicht gegeben, wäre Musik wohl nicht entstanden.
Wozu dieser Sinn ursprünglich gedacht war, bleibt im Dunkeln. Vielleicht liegt in unserer Reaktion auf Musik der Schlüssel zum Geheimnis der Funktionsweise unseres Gehirns. Vielleicht könnten sich durch die Entschlüsselung des Musikerlebens Hinweise auf die Ursache unseres Bewusstseins finden lassen. Zumindest scheint sich Musik in Dimensionen abzuspielen, zu denen wir ansonsten keinen Zugang haben.